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paul vom hof über die stadt und den rest

20040521

Freitag, 24. Mai 2004
Ehemals Café-Konditorei Reichardt in der Badstraße/Wedding. Seit Dezember des letzten Jahres, wird es als "Net-Tat Pastanesi" von türkischen Besitzern aus dem kurdischen Gazianthep geführt. Außen der neue Schriftzug, innen der alte Oma-Plüsch. Die Kaffeehaus-kompatiblen Renoirs sind an der Wand geblieben, ein grüngerahmtes Poster brotbackender Frauen vor kurdisch anmutendem Hintergrund ist an zentraler Stelle hinzugekommen. Neu ist die Frage, ob ich den Milchkaffee mit Schlagsahne möchte - bislang hatte ich derartige Obskuritäten für eine süddeutsche Angelegenheit gehalten.
Neu auch die Klientel: der einzige Mann sitzt alleine vor einem Glas Tee, die anderen Tische sind mit Zweiergruppen türkischer Frauen besetzt. Kein Kopftuch weit und breit, dafür ein leises Plauschen. Der Wedding hat zu einem eigenen türkischen Selbstverständnis gefunden, dass ich aus deutschen Großstädten so nicht kenne. Noch in Kreuzberg sind es die gewohnten Cay-evis, die Teestuben, in denen ausnahmslos Männer Tavla spielen und auch die Grauen Wölfe der faschistischen MHP oft Unerquickliches verlauten lassen. Hier hat sich, beschleunigt durch die kurdische Emanzipation, einen neue Identität entwickelt. Und zwischen dem erwähnten Oma-Plüsch bekommt sie ein Gesicht, das sich mit postmodern nicht mehr umschreiben lässt.

Auch schön: die ausliegende "Genclik", zu deutsch "Jugend". Komplett in türkisch stellt sie zuerst das mecklenburgische Röbel an der Müritz vor, um dann zu einem Porträt des türkischen Bursa überzugehen. Unter "Berlin´de Yasam", Berliner Leben, folgen dann Fotostrecken der letzten Partys aus dem Wedding.

A propos Wedding: Mit Blick auf das jüngste US-Engagement bei einer Hochzeit an der irakisch-syrischen Grenze, beginne ich zu verstehen, warum die aktuellen Eheschließungen in meinem Bekanntenkreis im Geheimen stattfinden sollen. Aber Vorsicht: Auch wenn auf Freudenschüsse verzichtet wird, empfiehlt sich eine Anfrage beim Pentatgon, was denn die Weltmacht derzeit unter Zivilisation versteht. Das Dorf, das Mittwochnacht von US-Kampfhubschraubern planiert worden ist, habe, so ein Sprecher des US-Militärs, weitab von jeglicher Zivilisation gelegen. Urbane Logik "for freedom and democracy"? Der Hinweis, dass Muhammad Atta diplomierter Stadtplaner war, hilft da auch nicht weiter.


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