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paul vom hof über die stadt und den rest

20040521

Montag, 20. Mai 2004

Wenn ich auch mit den U-Bahn-Plänen durcheinander komme – das Berliner und das Schlesische Tor haben nicht nur andere Namen, sie entlassen mich auch in völlig verschiedene Welten. Hamburg und Berlin - der öffentliche Raum der beiden Städte unterliegt zunehmend unterschiedlicher Gestaltung. Banal im Beispiel: die Sitzplätze in Hamburgs öffentlichem Nahverkehr. Auch im neuen Design werden die einzelnen Sitzflächen von durchgehenden Armlehnen strikt getrennt. Die Vermutung, es handle sich dabei um ein Entgegenkommen an die Bequemlichkeit der Fahrgäste täuscht. Schon zu SPD-Zeiten nahmen Innenstadt-Architekten kein Blatt vor den gestalterischen Mund: Denen, die weder zur Arbeit noch nach Hause unterwegs sind, weil ihnen beides abhanden gekommen ist, soll das Liegen oder gar Nächtigen vereitelt werden. In Berlins neuer Ringbahn beschränken sich diese sozial-urbanen Barrieren zumindest auf ein Drittel der potentiellen Nächtigungsstätte - nicht wirklich bequem, aber es ginge für ein paar Minuten. Ähnlich zum Scheitern verurteilt ist der Versuch, im Hamburger Hauptbahnhof sitzend auf die letzte S-Bahn Richtung Poppenbüttel zu warten. Nicht nur, dass es auf Gleis 3 keine Bänke oder dergleichen mehr gibt, auch die Notlösung, sich am geschlossenen Kioskhäuschen anzulehnen, wird von einer Aluminiumblende unterbunden, die in Knöchelhöhe rund 30 Zentimeter nach vorne ragt. Von dem eventuellen Bier zuviel nicht zu sprechen - ein diagonales Lehnen zu später Stunde ruft wohl schon rein optisch den patrouillierenden Sicherheitsdienst auf den Plan.

Hamburg ordnet den öffentlichen Raum neu: Ordnungsamts-Angestellte jagen im Stadtpark Hundehalter, die ihre bisamrattengroßen Bellos ohne Leine laufen lassen. Der dezente Hinweis, dass die Hansestadt noch immer die höchste Kriminalitätsrate des Bundes habe, und deren Ursachen nicht unbedingt im Stadtpark zu suchen sei, bringt wenig Entspannung.

Auch schon während der letzten sozialdemokratischen Atemzüge kam die Stadt auf die Idee, das Untergeschoss des Hauptbahnhofs mit klassischer Musik zu beschallen. Mein angenehmes Erstaunen, aus Nürnberg ankommend mit Beethovens Violinenkonzert begrüßt zu werden, wurde von stadtplanerischen Statements zur kompletten Naivität degradiert: Polizei und Bundesbahn hatten herausgefunden, dass heroinabhängige Mitmenschen bei Hintergrunds-Sinfonik nahezu panisch den Ort der Beschallung verlassen. Beethovens Violinenkonzert fällt für mich unter neutrale musikalische Ästhetik – ein simpler Begriff von Schönheit. Vielleicht sollten wir es anders herum versuchen: Schostakovitsch im Rathausfoyer, subversiver Béla Bartók aus der Regierungsbank, und die geliebten Dissonanzen könnten uns einen neuen Senat bescheren.


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