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paul vom hof über die stadt und den rest

20040531

Montag, 31. Mai 2004

Berlin lacht so gerne


In seiner sonst unsäglichen Nabelschau „Letzte Inventur vor dem Ausverkauf" findet Frédéric Beigbeder zwei nette Kommentare zu Milan Kunderas „der Scherz": „Heutzutage ist weltweit das Gegenteil der Fall: Humor ist Pflicht; die Welt ist ein permanenter Scherz. (...) Heute ist es das Lachen, das totalitaristisch ist."

Die „Berliner Morgenpost", wirbt zur Zeit auf den Stadtbussen mit dem schönen Spruch: „In Moabit sitzen 1.182 Menschen, in diesem Bus 81." Die andere Bussflanke, steuerbord, klärt auf: „Moabit hat 70.227 Einwohner, davon 1.182 Unfreiwillige." Mit dieser scharfsinnigen Milieustudie möchte die „Berliner Zeitung" auf ihre urbane Kompetenz hinweisen. Gibt es mittlerweile ein Jointventure mit der BVG, der Betreiberin des öffentlichen Nahverkehrs, das auf die Perspektive von Schwarzfahrern hinweisen möchte? Ich erwäge nun doch die Investition in ein Monatskarte.

Schön auch die Begrüßung, wenn der Besucher vom Westen her in die Stadt kommt: Die Ringbahn-Station am Busbahnhof empfängt Ankömmlinge mit einer quergeteilten Plakatwand. Links ein süffisant lächelnder und Regierender Bürgermeister Wowereit auf einer männer-barbrüstigen Street-Parade und dem Text: „Hier regiert Klaus". Auf der rechten Hälfte schielt ein Erster Bürgermeister Ole von Beust zwischen gestärkten Männerhemden verkniffen und unvorteilhaft aus dem Bild. Der Kommentar: „Hier regiert Ernst" - nett ist das nicht!

Über den Kokain-Konsum in den einschlägigen Werbeagenturen will ich nicht spekulieren, ich erinnere nur an ein Baummarkt-Prospekt in Schwerin, das auf der letzten Seite einen Ficus Benjamini mit „Höhe 1,45m, ca. 365 Blätter" bewarb - nüchtern gibt das keiner in den Druck.

Ausführliche Schilderungen auch in Beigbeders „99 Francs". Nicht nur, dass er da noch erträglicher vom Buchdeckel grient, das Kreisen um die eig´ne Nase hat dort einen literarischen Rang. In seiner „Inventur", der Le Monde-Liste der fünfzig besten Bücher des 20. Jahrhunderts, sprenkelt er nur noch teils dümmliche, teils peinliche Kommentare ein. Wenn Henri Alain-Fournier, mit „Der große Meaulnes" auf Platz 9 der Liste, im September 1914 im Rahmen der europäischen Schwerindustrie-Festspiele sein Leben lässt, dann erfahren wir von Beigbeders ihrem Frédéric: „Und wissen Sie, warum er sein Leben ließ? Um nicht alt zu werden. Die großartigen jugendhaften Romane verlangen, dass ihr Autor nicht alt wird ...". Danke Frédéric, das war der Punkt, auf den Volk so lange warten musste!
Comments:
Witzestunde im Hamburger Rathaus: Ole entläßt von Beust!
 
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