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paul vom hof über die stadt und den rest

20040720

Montag, 12. Juli 2004

„Die Berge kommen erst noch!"
Jan Ullrich

Info Radio meldet, die Berliner Stadtmission freue sich: Seit uns Papi Horst Köhler in seiner Antrittsrede im Bundestag die Anlaufstelle für Bedürftige der Hauptstadt lobend erwähnt hatte, seien die Anfragen kräftig angestiegen. Sponsoren kündigen sich an und der Rubel schmollt nicht mehr.

Wo hat der Neue das her? Von Alt-Papi Johannes Rau! Der hat ein paar Wochen zuvor auf der Hamburger Netzwerk-Recherche-Tagung beim NDR die Geschichte zum Besten gegeben, bei der Mission mit „Mensch Weizsäcker, dass ich dich noch mal treffe!" begrüßt worden zu sein. Rau sprach von „Pennern" und der Tonfall hatte eine vertretbaren Stallgeruch - wie in vielen seiner unzähligen letzten Reden. Schön auch der Zusatz, dass sie Roman Herzog wohl übergangen hätten. Von den andächtigen Chefredakteuren, die Papi was fragen durften, schweige ich lieber. Verwechslungen größeren Ausmaßes, darf man sich wohl nur als Gast der Stadtmission leisten.
Trotzdem ist es geschickt von der Mission, sich auf Köhler zu berufen: den wollen sie jetzt als Schirmherrn. Wenn Papis zu sehr loben!
 
Es sind marxistische Zeiten, in denen wir leben. Hochhuth spricht von revolutionären Zeiten, von einer wahrscheinlich blutigen Umwälzung. Macht Hochhuth öfter, liegt am Metier. Zur Zeit verknüpft er sehr anschaulich die Treuhand mit dem Morgenthau-Plan. Es hat immer noch kaum jemand den Weg vom 3.Oktober 1990, Rostock, dem Kosovo-Krieg und Hartz IV kommentiert. Kopfpauschale und die Ansagen von Mercedes Benz an den Sindelfinger Betriebsrat verdichten das Bild zunehmend.

Mein liebster Hartz IV-Witz ist ein Musikerwitz: Vom Geiger, der nach etlichen erfolglosen Bewerbungen bei einem Zirkus nachfragt und genommen wird. In der ersten Vorstellung schickt ihn der Direktor mit einem Stock in den Löwenkäfig. Der erste Löwe, der auf ihn zustürzt sagt ganz leise: „Keine Sorge, wir sind alle Pianisten!".

Mercedes Benz droht an, die Produktion von Sindelfingen nach Bremen oder Südafrika zu verlegen. Es geht um Einsparungen von 500 Millionen dieser Euros. Die neue S-Klasse soll 500 Euros günstiger auf den Markt gebracht werden. Gleichzeitig verliert bei den Spitzengehältern Geld seinen direkten Gegenwert. Ab einer gewissen Grenze, können ein Einkommen oder eine Abfindung gar nicht mehr ausgegeben werden. Der aktuelle Wert besteht nur noch im Prestige, auf einem bestimmten Niveau entlohnt zu werden. Die Betriebsräte in Sindelfingen werfen der Konzernführung eine Verrohung der Sitten vor und attestieren einen drastischen Verfall des Unternehmertums. Betriebsräte habe per se eine gewisse Naivität, deren Liebenswürdigkeit von den Zeiten abhängt, in denen sie sich äußern. Jetzt warnstreiken sie erst mal.

Auf den Fluren des Sozialamts Wedding ist ein allgemeiner Sittenverfall längst real: Leiterin Lange reagiert auf den Antrag des ungefähr 60-jährigen Herrn L., sie könne ihm auch einen Teebeutel mitgeben, wenn ihm die alleinige Ernährung durch Linseneintopf-Dosen aus dem Obdachlosen-Asyl zu einseitig wäre. Es ergäbe sich ein Aktionsvorschlag: Bei Lidl zehn Pack Earl-Grey besorgen und die Beutel einzeln mit der Geschichte zusammen auf den Fluren des Sozialamts verteilen. Tea-Time! Die letzten Ansätze menschlicher Würde sind es wert. 
 
Und Schily dreht jetzt auch noch durch: „ Wenn sich Mitglieder der Cap Anamur an Schleusungen beteiligt haben sollten, müssen sich auch deutsche Strafgerichte damit beschäftigen" . Selbst wenn die Medien-Resonanz im Mittelmeer in ein gutes Foundraising umgesetzt wurde, sollte Schily dem Komitee Cap Anamur eher den Preis der Witwenkasse der Polizei verleihen. Immerhin wird das Sicherheitsempfinden der Bundesbürger seit längerem empfindlich gestört, wenn im Urlaub tote Afrikaner am Strand angetrieben werden.

Rupert Neudeck gibt zu bedenken, es sei immer besser gewesen, mit Schiffbrüchigen an Bord der deutsch-beflaggten Cap Anamur einen Hafen der BRD anzulaufen. Trotzdem: Italiens Grenzflotte auslaufen zu lassen, hat Größe. Inzwischen freut man sich, dass sie nicht geschossen haben. Auch unser Innenminister sollte zur Kenntnis nehmen, dass sich militoid ausnehmende Aktionen nicht mehr alleinig auf das Wohl von Robben, Walen und der städtischen Luft-Qualität beziehen.
 
Es bleibt nur zu hoffen, dass sich die Crew der Cap Anamur an Schleusungs-Aktivitäten beteiligt hat. Sie haben ein Schiff mit einschlägiger Geschichte, und das Mittelmeer ist Sinnbild einer Grenze geworden: der einzige Ort, an dem sich die nationale Zugehörigkeit im Steinhagel sozialer Fragen wiederfindet. Rupert Neudeck und seine Cap Anamur haben mir im letzten Jahrhundert neben dem Begriff des Kontingent-Flüchtlings auch einen Einblick in die Realität Südost-Asiens verschafft, den mir unsere NATO-Mitgliedschaft nicht unbedingt geliefert hätte. Jetzt kreuzt das Komitee vor dem mallorcinischen Ballermann. Migration, Flucht und Italiens dreckiger Job für Brüssel machen eine Grenze zu dem was sie ist: Eine sich selbst, durch ihre Übertretbarkeit, permanent in Frage stellende Linie, die Tote produziert – „Pro Asyl" spricht von 5.000 in den letzten zehn Jahren. Und Geld setzt diese Linie auch um. Der Mafia die Preise zu verderben, hat einen ganz eigenen Reiz. Auch da könnte sich Herr Schily bei den Witwen der Polizei erkundigen.
 
Und sonst: „Einfach mal die Klappe halten" - die Tour fängt erst an!


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