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paul vom hof über die stadt und den rest

20040809

Montag, 9. August 2004
"Wir laden alle Menschen und Organisationen ein, gemeinsam mit uns auf einer
gleichberechtigten Grundlage, den Widerstand zu organisieren.
Wir sind nicht allein. In fast allen europäischen Ländern gehen Menschen wie wir
auf die Straße und wehren sich mit Demonstrationen, Kundgebungen und Streiks.
WIR SIND DAS VOLK!"
"Man muss es den Deutschen immer sagen: es tut gar nicht weh!"
Daniel Cohn-Bendit, 1998
Nicht wirklich neu klingt Oben-Stehendes. Der Verweis auf das europäische Ausland lässt allerdings vermuten, dass es sich doch um eine neuere Version dessen handelt, was wir hierzulande gern betulich als "friedliche Revolution" im kollektiven Bewusstsein balsamiert haben. Der Link zu http://www.montags-gegen-2010.de/ liefert den Rest.
Cohn-Bendit wiederum kommentierte den Regierungswechsel 1998.
Der einleitende Aufruf stammt aus dem letzten November, und Zusammenschlüsse, wie die Berliner "Obdachlosen-Zeitung" organisierten schon im letzten Herbst die ersten Montags-Demos Hartz´scher Prägung. Inzwischen darf der Chef des Bundestags kaum mehr öffentlich Verständnis aufbringen, ohne der patrteiinternen Inquisition zum Opfer zu fallen.
Die Kommentare von westdeutscher Seite entbehren nicht nur jeder Kompetenz, sie strotzen vor historischer Arroganz: Ich erinnere mich sehr genau an eine auffällige Ruhe aus der Bonner Regierungsbank im Oktober 1989 und auch die Opposition konnte sich offenbar nicht wirklich erklären, was im Osten vor sich ging. Fast schien es, als sei die politische Klasse Westdeutschlands dankbar, dass da noch eine Mauer vor war. Zumindest zu Anfang, als der Begriff der "Montagsdemonstration" geprägt wurde, ging es noch um einen Systemwechsel, eine Öffnung des zweiten politischen Systems deutschen Bodens. Mit Blick auf die soziale Realität stellt sich die Frage nach der Konkurrenzfähigeit neu, bleibt aber graue Spekulation. Gernot Erler verkürzt - wohl eher unfreiwillig - die Fragestellung anschaulich, wenn er sagt: " ... denn das richtet sich eher gegen das ganze System als gegen ein einzelnes Gesetz. "
Die Aussicht auf Mc Donalds und den Opel Astra haben auch die montäglichen Demonstrationen beeinflusst. Was dann kam, ist Geschichte: Die Bürgerrechtsbewegung wurde zur Lachnummer, die wirtschaftlich rentablen Kali-Fabriken der DDR wurden zu Gunsten der Badischen Anilin- und Soda Fabrik (BASF) zerschlagen und nun darf sich Ostdeutschland aus dem Westen anhören, wie das mit den Montagsdemos zu verstehen sei.

Faktisch wird mit Hartz IV die humane Restmasse der Zerschlagung auch offiziell auf die Rolle degradiert, die ihr nach Logik des Systems zukommt. Wer das Verhältnis eines BASF-Arbeiters zu seiner „Anilin" kennt, die kommunalen Strukturen der Schlafdörfer rund um die Fabrik und ihre nun 100-jährige Geschichte realisiert, erhält einen Eindruck davon, was in der Region von Bitterfeld weggebrochen sein muss. Die Ruhe im Osten resultierte bislang aus dem Wegzug derer, die eine Wut hätten formulieren können und der Zahlungen der sozialen Systeme. Die Artikulations-Ersatzstoffe RTL II und Sat I taten ihr übriges.
Die Montagdemos könnten die letzte Möglichkeit sein, eine gesellschaftliche Diskussion anzustoßen. Die Anzeigen-Kampagne der Regierigen hat den dumpfen Charme von völlig verspätetem Aktivismus. Als Werbung noch Propagande hieß, war die SPD eindeutig fitter im informativen Schritt. Solange Kirchen, Gewerkschaften und Verbände des Montags noch vorne weg marschieren, sich eine außerparlamentarische Opposition formiert, bleibt eine Chance. Was passiert, wenn Menschen, die zu Analyse und Formulierung nicht wirklich befähigt sind, sich artikulieren und exotisch wählen gehen, möchte ich mir im Detail nicht vorstellen.


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