paul vom hof über die stadt und den rest
20050415
Dienstag, 05.04.05
Soldiner Kiez, Mario Adorf und Reitpeitschen
Lidl hat die Pferdebesitzer unter uns als Zielgruppe entdeckt. Mein standardisierter Blick auf die Sonderangebote bleibt an einer Batterie von Flaschen hängen, deren Hals meine Verwunderung hervorruft. Das Schild in Augenhöhe verrät, es handle sich um „Huföl“. Ich stutze. Wer in der Prinzenallee will sich gerade mit „Huföl“ eindecken? Einen Stahlkorb weiter finden sich Plastikdosen mit „Huffett“. Aus vergangenen Bekanntschaften kenne ich die Angewohnheit, „Melkfett“ als Handcreme zu verwenden. Mein Hinweis, Vaseline tauge auch dazu, rief dereinst drastische Missverständnisse und ausufernde Spekulation über mein Vorleben auf den Plan. Das Lidlangebot scheint mir mit Blick auf die restliche Posten auch in diese leicht frivol anmutende Ecke abzudriften: Damenreitstiefel. „Okay!“ denke ich mir als unbedarfter Outsider der Reiterspielchen-Szene. Erinnerung an Mario Adorf in dem grandiosen Softporno „Ihr Engelchen macht weiter Hoppe-Hoppe-Reiter“ sind alles, was mir an illustrierendem Bildmaterial zu Verfügung steht. Etwas desorientiert bleibt mein Blick auf der Uniform des Sicherheitsmannes hängen. Hilft auch nicht. Die schwarzen Reitpeitschen und ein Discount-Zaumzeug tun ihr Übriges. Zunehmend verdichtet sich das Bild einer feindlichen, meinen Gewohnheiten gegenüber arrogant lächelnden, Umwelt. Wer bitte hat hier Pferde? Was machen meine Nachbarn zu Hause? Wo ist der Ausgang?
An der Kasse dann Vertrauen-Einflößendes: Der Name der Kassiererin hat sich geändert, wie mir das Schild auf ihrem Kittel verrät. Ihr osteuropäischer Akzent ist geblieben, aber der Ring an der tippenden Hand ist neu und glänzt weißgolden, als sie den Gebrauchswert meines Six-Packs digitalisiert. Ich atme auf, zahle mit einem glücklich befreiten Lächeln und mache mich beschwingt auf den Heimweg. Dort angekommen, schreibe ich der jüngst Verflossenen, ich hätte heute wieder Wichtiges gelernt.
Donnerstag, 27. Januar 2005
Über Kinder und ihre entkopften Eltern zu schimpfen ist passé. Als Single ist es ohnehin peinlich. Systemfeindlich und kurzsichtig ist es dazu. Weder meine Optikerin, noch mein Führungszeugnis bringen mich hier zur Raison. Irgendjemands Rente muss ich ja versaufen dürfen. Ich bin auch immer wieder zu einem milden Lächeln fähig, sehe ich staunende Kinderaugen, und ziehe beschwichtigend die Brauen hoch, wenn eine im Stress befindliche Erziehungsberechtigte an der Kasse durch Süßkramverweigerung die unvermeidliche Sirene auslöst. Auch wenn ich noch nicht von Reproduktionsverweigerung sprechen mag, ab Mitte dreißig fällt es auf. Und das nicht nur zum Christfest. Gleichzeitig lassen aber die Nachfragen nach. Schön so.
Heute aber, starker Schneefall und sie laufen zu Höchstform auf: Ach ja, die Wahrheit aus minderjährigen Kehlen: Verhaltene Frage eines kleinen Jungen auf der Kopenhagener Straße zu seiner völlig zugeschneiten Mutter: „Sind wir noch in Berlin?“
Montag, 03. Januar 2005
hauptstadtgoessuburbia
Kein Wohngeld auf dem Konto, also zum Amt Müllerstraße. Anfang Januar, der erste Montag des Jahres, der erste Tag nach der Wende zu Hartz IV. Die morgendliche Sonne brüllt etwas von Aufbruchsstimmung vor sich hin. Auf der Müllerstraße springen die Folgen der Silvesternacht ins Auge: Das Hochhaus gegenüber ist ausgebrannt, ein Hauch von Prishtina liegt tomahawkoid in der Luft und auf der Verkehrsinsel Ecke Pankstraße steht ein gestauchter PKW mit ermüdeten Airbags auf den Vordersitzen.
Die Commerzbank übt sich im Chaos – der Auszugsautomat ist kaputt, warnt eine eigens dafür abgestellte Angestellte im Foyer. Am Schalter dann Verständnis, der Auszug „für´s Amt“, die Dame scheint die Sachlage zu kennen. Neben mir versuchen mindestens drei Leute Ähnliches zu bekommen, die Rede ist noch immer von „Kontoauszügen“. Turnschuhe, Jutetaschen und eine ungewohnte Lässigkeit bestimmen das Bild auf Kundenseite. Kooperation zwischen Mildtätigkeit und unbestimmter Solidarität mach sich gegenüber breit. Als Ergebnis des guten Willens bricht dann auch noch das Internet zusammen. Zu viele Commerzbank-Kunden schauen offenbar gerade nach, ob der Transfer geklappt hat, das Wirtschaftssystem noch existiert oder die Frankfurter Börse jetzt volks- oder sonstwie-eigen geworden ist. Charmant, wie ich sein kann, erhalte ich einen internen Ausdruck – ein Augenaufschlag mahnt mich zum vertraulichen Gebrauch.
Ein paar Meter weiter dann das Arbeitsamt. Heute ganz in Rot. Farbbomben haben die Gebäudefront in der Nacht überzogen. Jetzt ist es von spanischen Reitern und Polizisten in noch unbefleckter Kampfmontur abgesperrt. Die SPD-Geschäftsstelle gegenüber schützt sich auch mit rot-weißen Gittern und der staatlichen Exekutive. Die beiden Wachheinis hinter der Glastür schenken mir breitbeinig einen stechenden Blick, und mein belustigter Blick zurück löst einen konzentrierten Kopfschwenk aus – Synchronschwimmer sind nichts dagegen! Der Hauteingang des Bürgeramtes ist aus „technischen Gründen“ heute geschlossen, auch hier verleihen zwei Hände voll gut gepolsterter Polizeibeamte den technischen Gründen Nachdruck. Am Alternativeingang dann fangen drei Sozialamtsangestellte, die bulligeren unter ihnen, die Besucher ab, fragen gezielt nach dem Begehren und sind sich einig: „Das Sozialamt, das gibt´s nicht mehr!“. Die Frage nach dem Wohnungsamt verwirrt sie. Ich schlage ihnen freundlich vor, selbst danach zu suchen, und betrete eine hoffnungslos überfüllte Behörde.
Wickert hat gestern in den Tagesthemen verlauten lassen, dass bundesweit nur 300 Menschen kein Geld auf ihrem Konto vorgefunden hätten – schön dass die alle im Wedding wohnenm, und dann noch auf einem Flur Platz finden. 30 Prozent Dunkelziffer passen auch noch rein - Das ist urbane Toleranz. Nach drei Stunden Wartezeit erhalte ich für fünf Minuten Gehör, misstraue dem Gehörten und gehe nochmal beim Arbeitsamt vorbei. Dort hat sich Einiges getan: Knapp 200 Montagmorgens-Demonstranten haben sich auf der Straße eingefunden, die Eingänge sind mit Polizeihunden gesichert. Ich staune: Der zottige Typ des DDR-Grenzhundes lebt! Neulich hatte ich in einem Gespräch noch behauptet, der Phänotypus des Schäferhundes im DDR-Design hätte sich längst im gesamtdeutschen Genpool aufgelöst. Weit gefehlt: Es gibt ihn noch und er tut Dienst.
Kurz vor Zwölf Uhr kündigt die Einsatzleitung an, nach mehrmaliger Aufforderung Eingänge und Straße räumen zu wollen. Sie halten Wort: Die Hunde dürfen jetzt auf die Demonstranten in den Eingängen los, die wollen da nicht bleiben und gehen dann doch lieber, stolpernd, ein paar retten sich flugs übers Geländer. Ich beginne auf den Hubschrauber zu warten, der, über die Situation platziert, das Bild einer psychologischen Kriegsführung komplettieren würde. Statt dessen beginnen die Einsatzkräfte damit, konventionell gegen den Rest auf der Straße vorzugehen.
Im mehr als kurzen Vorspiel ist es noch ein grünuniformiertes Schieben, dann kriegt die erste Reihe gezielt in die Nieren. Das Pulk der jetzt noch gut 50 Protestierenden zeigt sich selbst Tritten in die Kniekehlen gegenüber zunächst resistent. Es zerfällt erst beim Einsatz von Pfefferspray. Ein Beamter verteilt den Strahl aus der Sprühdose großzügig und verweilt damit immer wieder kurz auf einzelnen Gesichtern der störenden Seite. Der Kameramann vom RBB hat längst die Linse gen Himmel gehoben, fängt die schon erwähnte Sonne ein, und äußert sich uninteressiert. Die zerstiebende Menge reizt zu kleineren Treibjagden über den Grünstreifen, deren Beute lachend in die Polizeibusse verbracht wird. Überhaupt könnte die Stimmung auf Seiten der Organe nicht besser sein. Als die Aufforderung „Weitergehen!“ Widerworte wie: „Hier liegt ein Verletzter!“ hervorruft, zeigt ein fröhliches „Der kann da ruhig liegen bleiben!“ den Weg aus der Krise. Die Politisierung Zwanzigjähriger erfährt darüber hinaus ungeahnten Vorschub.
Danach diskutiert das lustige Personal vom Anti-Konflikt-Team mit den Anwesenden über das Versammlungsrecht. Die Organe tragen jetzt Westen mit neonfarbener Aufschrift und machen Kindergeburtstag.
Donnerstag, 16. Dezember 2004
Danke Florena
Gestern habe ich im Briefkasten eine Probepackung mit einer Gesichtscreme gefunden. Florena MEN, Intensivcreme mit Vitaminkomplex. Drei Milliliter. Gestern Abend habe ich sie aufgelegt. Beim Nachhausekommen heute ein zweiter Versuch. Intensive Vitamine scheinen meine Gesichtshaut extrem zu beleben. Dass eine rote Färbung sexy ist, weiß ich, aber wenn es einfach nur noch weh tut? Ich habe zunächst beschlossen Hände und Gesicht zu waschen. Es eskalierte in eine Generalwäsche: Jetzt trocknen die Haare, und die beiden weißen Hemden sind eingeweicht. Danke Florena Danke. Und nie wieder.
Sonntag, 19. Dezember 2004
Kein Wunder, dass die Stadt pleite ist: Sogar im Wedding werden die Gehwege mit Split gestreut, wenn plötzliche Vereisung über die Straßen hereinbricht. Aus Hamburg kenne ich zugefrorene Trottoirs, auf denen meine glatten aber schicken Schuhe keine Chance hatten. Die Bürger der besseren Viertel hingegen hatten sogar gesalzene Steige vor der Tür.
Dienstag, 26.Oktober.2004
„Wir sind keine Eichhörnchen“
Willy Brand soll auch schon hier gewesen sein. Eine legendäre Party, so der Geschäftsführer der Kulturfabrik Osloer Straße. Einige Bilder gäbe es noch im Eingangsbereich. Er betont weiter, er freue sich wieder eine SPD-Veranstaltung im Berliner Wedding ankündigen zu können. Das Viertel als „Problemkiez“ – soweit das Thema. Auf dem Podium: eine Stadtentwicklungssenatorin, ein Sozialstadtrat, das Quartiersmanagement und ein Moderator der Partei. Im Publikum: Bewohner des Soldiner Kiez´, Rentner, Hartz IV-Gegner – es riecht etwas streng. Vertreter der türkischen und arabischen Gemeinden seien angeschrieben worden, die Reaktion war mehr als zurückhaltend. Man ist unter sich.
Zunächst erklärt das Podium die Welt. Der Quartiersmanager verweist auf die Bevölkerungszusammensetzung und auf den Arbeitsmarkt. Seine Institution könne da auch nichts machen. Mit „Ich bin der letzte Deutsche“ überblickt er zumindest an diesem Abend nicht ganz die Situation, schätzt aber die Rolle des Quartiersmanagement weiter erfolgreich ein. Der Sozialstadtrat ist sich seiner Sache ähnlich sicher: Die Analyse sei „schnell gemacht“, er habe nicht nur eigene Erfahrungen sondern auch „das größte Sozialamt Deutschlands“. Und im Kern sei das alles ein „soziales Problem“.
Als die Senatorin auf die Finanzierung zu sprechen kommt, wird erster Protest aus dem Arme-Leute-Viertel hörbar. Die Situation scheint mehr als ernst. „Es ziehen ja schon die ausländischen Familien weg, sobald sie etwas mehr Geld haben“, so die Einschätzung. Die Senatorin gipfelt in der Frage, wie man mit Menschen umgehen soll, die hier besser nicht wohnen sollen". Der Unmut geht jetzt über halblaute Zwischenrufe zu vermeintlicher „Unterschlagung“ und Ähnlichem hinaus und endet in der Frage, ob das hier „eine Talkshow“ sei. Die im Publikum anwesenden SPD-Genossen enthalten sich jeder Parteidisziplin und die One-Way-Kommunikation scheint zu Ende.
Die Rentner kommen mit der Forderung nach Zwangssprachkursen. Ein ältere Dame formuliert vorsichtig: Deutsch solle „wieder Amtssprache werden“, ihr Lebensgefährte wird im Ton markanter: „Integration oder Entzug der Aufenthaltsgenehmigung!“ Der Protest aus den ver.di-Reihen, man sein doch nicht „bei die Nazis“, bleibt alleine, die Rentner klatschen, nichtdeutsche Weddinger sind kaum anwesend. Ein junger Mann meldet sich zu Wort und entpuppt sich als Polizeibeamter, der schon vor Jahren weggezogen ist. Die einzige Veränderung, die ihm in seiner Zeit im Viertel aufgefallen sei, war eine neu eingerichtete Einbahnstraße. Positiv sei das gewesen, er sei schneller zum Parkplatz gekommen.
Der Kiez, das wird deutlich, ordnet sich nach Straßen, bildet Subkulturen, die zwischen Stettiner und Koloniestraße höchst unterschiedlich schillern. Während die Rentner sich langfristig darauf beschränken, bei den „Zwang-zur-deutschen-Sprache-Wünschen“ zu applaudieren, formulieren die Jüngeren harsche Kritik an der Praxis des Quartiersmanagements. Mit wem sprächen die Leute vom QM eigentlich, es gäbe mehr Zwist seit der QM-Tätigkeit, das ganze sei eine „Geldvernichtungsmaschine“, und habe „überhaupt kein Konzept“. Dass der Chef des QM, wie in der Vorstellung lobend erwähnt, dereinst auf der Universität Arabisch gelernt hat, kommt ihm hier wenig zu Gute.
Jetzt kommt der Stadtrat auf die Drogen. Zu sprechen natürlich. Unterm Strich seien das „arme, kranke Menschen“. Eine 70-Jährige gibt ihm recht, und beteuert, es störe sie, auch wenn sie selbst keine Drogen nähme. Der Drogenkonsumraum, den der Stadtrat als Erfolg deklariert, vermag sie wenig zu trösten, vor dem „bilateralen Vorgehen“, das der Moderator daraufhin propagiert, verstummt sie jedoch. Nicht so der Rest des Grauen Blocks. Was Linguisten freuen könnte, hier wird es zur permanenten Keule: Die Frage nach der Sprache, der deutschen natürlich, und deren geforderte Kopplung an das Recht auf Aufenthalt wird zum zentralen Argument der ehemaligen Wirtschaftsverwunderten. Die Emotionen gehen hoch und vom Konzept des Podiums scheint wenig übrig. Dann doch noch eine Wortmeldung der anderen Seite: Ein Streetworker türkischer Abstammung bemerkt offensichtlich frustriert, der Abend habe ihm wenig Zuversicht gebracht. Es zeige sich eher, dass sich „keinerlei Sensibilisierung“ eingestellt habe.
Ein SPD-Genosse aus dem Viertel, der den Sozialstadtrat nun schon mehrmals erfolglos gefragt hat, seit wann der denn im Wedding präsent sei, bemerkt final: „Wir sind keine Eichhörnchen, wir sind Weddinger!“ Sozialstadtrat Hanke nimmt den Einwand ernst. Nein, kein Versuchslabor vermutet er hier im Norden Berlins, die Situation gleiche der eines „Asylantenheims“. Derart belehrt verlasse auch ich das sich auflösende Plenum und nehme mir noch die SPD-CD zum europäischen Parlament mit: Ein Computerspiel mit dem sinnigen Titel „Free Hoppel!“. Hoppel ist auch kein Eichhörnchen, sondern ein durch´s Spiel führender Hase, der mir die Geheimnisse sozialdemokratischer Politik im europäischen Parlament nahe legt.
Soldiner Kiez, Mario Adorf und Reitpeitschen
Lidl hat die Pferdebesitzer unter uns als Zielgruppe entdeckt. Mein standardisierter Blick auf die Sonderangebote bleibt an einer Batterie von Flaschen hängen, deren Hals meine Verwunderung hervorruft. Das Schild in Augenhöhe verrät, es handle sich um „Huföl“. Ich stutze. Wer in der Prinzenallee will sich gerade mit „Huföl“ eindecken? Einen Stahlkorb weiter finden sich Plastikdosen mit „Huffett“. Aus vergangenen Bekanntschaften kenne ich die Angewohnheit, „Melkfett“ als Handcreme zu verwenden. Mein Hinweis, Vaseline tauge auch dazu, rief dereinst drastische Missverständnisse und ausufernde Spekulation über mein Vorleben auf den Plan. Das Lidlangebot scheint mir mit Blick auf die restliche Posten auch in diese leicht frivol anmutende Ecke abzudriften: Damenreitstiefel. „Okay!“ denke ich mir als unbedarfter Outsider der Reiterspielchen-Szene. Erinnerung an Mario Adorf in dem grandiosen Softporno „Ihr Engelchen macht weiter Hoppe-Hoppe-Reiter“ sind alles, was mir an illustrierendem Bildmaterial zu Verfügung steht. Etwas desorientiert bleibt mein Blick auf der Uniform des Sicherheitsmannes hängen. Hilft auch nicht. Die schwarzen Reitpeitschen und ein Discount-Zaumzeug tun ihr Übriges. Zunehmend verdichtet sich das Bild einer feindlichen, meinen Gewohnheiten gegenüber arrogant lächelnden, Umwelt. Wer bitte hat hier Pferde? Was machen meine Nachbarn zu Hause? Wo ist der Ausgang?
An der Kasse dann Vertrauen-Einflößendes: Der Name der Kassiererin hat sich geändert, wie mir das Schild auf ihrem Kittel verrät. Ihr osteuropäischer Akzent ist geblieben, aber der Ring an der tippenden Hand ist neu und glänzt weißgolden, als sie den Gebrauchswert meines Six-Packs digitalisiert. Ich atme auf, zahle mit einem glücklich befreiten Lächeln und mache mich beschwingt auf den Heimweg. Dort angekommen, schreibe ich der jüngst Verflossenen, ich hätte heute wieder Wichtiges gelernt.
Donnerstag, 27. Januar 2005
Über Kinder und ihre entkopften Eltern zu schimpfen ist passé. Als Single ist es ohnehin peinlich. Systemfeindlich und kurzsichtig ist es dazu. Weder meine Optikerin, noch mein Führungszeugnis bringen mich hier zur Raison. Irgendjemands Rente muss ich ja versaufen dürfen. Ich bin auch immer wieder zu einem milden Lächeln fähig, sehe ich staunende Kinderaugen, und ziehe beschwichtigend die Brauen hoch, wenn eine im Stress befindliche Erziehungsberechtigte an der Kasse durch Süßkramverweigerung die unvermeidliche Sirene auslöst. Auch wenn ich noch nicht von Reproduktionsverweigerung sprechen mag, ab Mitte dreißig fällt es auf. Und das nicht nur zum Christfest. Gleichzeitig lassen aber die Nachfragen nach. Schön so.
Heute aber, starker Schneefall und sie laufen zu Höchstform auf: Ach ja, die Wahrheit aus minderjährigen Kehlen: Verhaltene Frage eines kleinen Jungen auf der Kopenhagener Straße zu seiner völlig zugeschneiten Mutter: „Sind wir noch in Berlin?“
Montag, 03. Januar 2005
hauptstadtgoessuburbia
Kein Wohngeld auf dem Konto, also zum Amt Müllerstraße. Anfang Januar, der erste Montag des Jahres, der erste Tag nach der Wende zu Hartz IV. Die morgendliche Sonne brüllt etwas von Aufbruchsstimmung vor sich hin. Auf der Müllerstraße springen die Folgen der Silvesternacht ins Auge: Das Hochhaus gegenüber ist ausgebrannt, ein Hauch von Prishtina liegt tomahawkoid in der Luft und auf der Verkehrsinsel Ecke Pankstraße steht ein gestauchter PKW mit ermüdeten Airbags auf den Vordersitzen.
Die Commerzbank übt sich im Chaos – der Auszugsautomat ist kaputt, warnt eine eigens dafür abgestellte Angestellte im Foyer. Am Schalter dann Verständnis, der Auszug „für´s Amt“, die Dame scheint die Sachlage zu kennen. Neben mir versuchen mindestens drei Leute Ähnliches zu bekommen, die Rede ist noch immer von „Kontoauszügen“. Turnschuhe, Jutetaschen und eine ungewohnte Lässigkeit bestimmen das Bild auf Kundenseite. Kooperation zwischen Mildtätigkeit und unbestimmter Solidarität mach sich gegenüber breit. Als Ergebnis des guten Willens bricht dann auch noch das Internet zusammen. Zu viele Commerzbank-Kunden schauen offenbar gerade nach, ob der Transfer geklappt hat, das Wirtschaftssystem noch existiert oder die Frankfurter Börse jetzt volks- oder sonstwie-eigen geworden ist. Charmant, wie ich sein kann, erhalte ich einen internen Ausdruck – ein Augenaufschlag mahnt mich zum vertraulichen Gebrauch.
Ein paar Meter weiter dann das Arbeitsamt. Heute ganz in Rot. Farbbomben haben die Gebäudefront in der Nacht überzogen. Jetzt ist es von spanischen Reitern und Polizisten in noch unbefleckter Kampfmontur abgesperrt. Die SPD-Geschäftsstelle gegenüber schützt sich auch mit rot-weißen Gittern und der staatlichen Exekutive. Die beiden Wachheinis hinter der Glastür schenken mir breitbeinig einen stechenden Blick, und mein belustigter Blick zurück löst einen konzentrierten Kopfschwenk aus – Synchronschwimmer sind nichts dagegen! Der Hauteingang des Bürgeramtes ist aus „technischen Gründen“ heute geschlossen, auch hier verleihen zwei Hände voll gut gepolsterter Polizeibeamte den technischen Gründen Nachdruck. Am Alternativeingang dann fangen drei Sozialamtsangestellte, die bulligeren unter ihnen, die Besucher ab, fragen gezielt nach dem Begehren und sind sich einig: „Das Sozialamt, das gibt´s nicht mehr!“. Die Frage nach dem Wohnungsamt verwirrt sie. Ich schlage ihnen freundlich vor, selbst danach zu suchen, und betrete eine hoffnungslos überfüllte Behörde.
Wickert hat gestern in den Tagesthemen verlauten lassen, dass bundesweit nur 300 Menschen kein Geld auf ihrem Konto vorgefunden hätten – schön dass die alle im Wedding wohnenm, und dann noch auf einem Flur Platz finden. 30 Prozent Dunkelziffer passen auch noch rein - Das ist urbane Toleranz. Nach drei Stunden Wartezeit erhalte ich für fünf Minuten Gehör, misstraue dem Gehörten und gehe nochmal beim Arbeitsamt vorbei. Dort hat sich Einiges getan: Knapp 200 Montagmorgens-Demonstranten haben sich auf der Straße eingefunden, die Eingänge sind mit Polizeihunden gesichert. Ich staune: Der zottige Typ des DDR-Grenzhundes lebt! Neulich hatte ich in einem Gespräch noch behauptet, der Phänotypus des Schäferhundes im DDR-Design hätte sich längst im gesamtdeutschen Genpool aufgelöst. Weit gefehlt: Es gibt ihn noch und er tut Dienst.
Kurz vor Zwölf Uhr kündigt die Einsatzleitung an, nach mehrmaliger Aufforderung Eingänge und Straße räumen zu wollen. Sie halten Wort: Die Hunde dürfen jetzt auf die Demonstranten in den Eingängen los, die wollen da nicht bleiben und gehen dann doch lieber, stolpernd, ein paar retten sich flugs übers Geländer. Ich beginne auf den Hubschrauber zu warten, der, über die Situation platziert, das Bild einer psychologischen Kriegsführung komplettieren würde. Statt dessen beginnen die Einsatzkräfte damit, konventionell gegen den Rest auf der Straße vorzugehen.
Im mehr als kurzen Vorspiel ist es noch ein grünuniformiertes Schieben, dann kriegt die erste Reihe gezielt in die Nieren. Das Pulk der jetzt noch gut 50 Protestierenden zeigt sich selbst Tritten in die Kniekehlen gegenüber zunächst resistent. Es zerfällt erst beim Einsatz von Pfefferspray. Ein Beamter verteilt den Strahl aus der Sprühdose großzügig und verweilt damit immer wieder kurz auf einzelnen Gesichtern der störenden Seite. Der Kameramann vom RBB hat längst die Linse gen Himmel gehoben, fängt die schon erwähnte Sonne ein, und äußert sich uninteressiert. Die zerstiebende Menge reizt zu kleineren Treibjagden über den Grünstreifen, deren Beute lachend in die Polizeibusse verbracht wird. Überhaupt könnte die Stimmung auf Seiten der Organe nicht besser sein. Als die Aufforderung „Weitergehen!“ Widerworte wie: „Hier liegt ein Verletzter!“ hervorruft, zeigt ein fröhliches „Der kann da ruhig liegen bleiben!“ den Weg aus der Krise. Die Politisierung Zwanzigjähriger erfährt darüber hinaus ungeahnten Vorschub.
Danach diskutiert das lustige Personal vom Anti-Konflikt-Team mit den Anwesenden über das Versammlungsrecht. Die Organe tragen jetzt Westen mit neonfarbener Aufschrift und machen Kindergeburtstag.
Donnerstag, 16. Dezember 2004
Danke Florena
Gestern habe ich im Briefkasten eine Probepackung mit einer Gesichtscreme gefunden. Florena MEN, Intensivcreme mit Vitaminkomplex. Drei Milliliter. Gestern Abend habe ich sie aufgelegt. Beim Nachhausekommen heute ein zweiter Versuch. Intensive Vitamine scheinen meine Gesichtshaut extrem zu beleben. Dass eine rote Färbung sexy ist, weiß ich, aber wenn es einfach nur noch weh tut? Ich habe zunächst beschlossen Hände und Gesicht zu waschen. Es eskalierte in eine Generalwäsche: Jetzt trocknen die Haare, und die beiden weißen Hemden sind eingeweicht. Danke Florena Danke. Und nie wieder.
Sonntag, 19. Dezember 2004
Kein Wunder, dass die Stadt pleite ist: Sogar im Wedding werden die Gehwege mit Split gestreut, wenn plötzliche Vereisung über die Straßen hereinbricht. Aus Hamburg kenne ich zugefrorene Trottoirs, auf denen meine glatten aber schicken Schuhe keine Chance hatten. Die Bürger der besseren Viertel hingegen hatten sogar gesalzene Steige vor der Tür.
Dienstag, 26.Oktober.2004
„Wir sind keine Eichhörnchen“
Willy Brand soll auch schon hier gewesen sein. Eine legendäre Party, so der Geschäftsführer der Kulturfabrik Osloer Straße. Einige Bilder gäbe es noch im Eingangsbereich. Er betont weiter, er freue sich wieder eine SPD-Veranstaltung im Berliner Wedding ankündigen zu können. Das Viertel als „Problemkiez“ – soweit das Thema. Auf dem Podium: eine Stadtentwicklungssenatorin, ein Sozialstadtrat, das Quartiersmanagement und ein Moderator der Partei. Im Publikum: Bewohner des Soldiner Kiez´, Rentner, Hartz IV-Gegner – es riecht etwas streng. Vertreter der türkischen und arabischen Gemeinden seien angeschrieben worden, die Reaktion war mehr als zurückhaltend. Man ist unter sich.
Zunächst erklärt das Podium die Welt. Der Quartiersmanager verweist auf die Bevölkerungszusammensetzung und auf den Arbeitsmarkt. Seine Institution könne da auch nichts machen. Mit „Ich bin der letzte Deutsche“ überblickt er zumindest an diesem Abend nicht ganz die Situation, schätzt aber die Rolle des Quartiersmanagement weiter erfolgreich ein. Der Sozialstadtrat ist sich seiner Sache ähnlich sicher: Die Analyse sei „schnell gemacht“, er habe nicht nur eigene Erfahrungen sondern auch „das größte Sozialamt Deutschlands“. Und im Kern sei das alles ein „soziales Problem“.
Als die Senatorin auf die Finanzierung zu sprechen kommt, wird erster Protest aus dem Arme-Leute-Viertel hörbar. Die Situation scheint mehr als ernst. „Es ziehen ja schon die ausländischen Familien weg, sobald sie etwas mehr Geld haben“, so die Einschätzung. Die Senatorin gipfelt in der Frage, wie man mit Menschen umgehen soll, die hier besser nicht wohnen sollen". Der Unmut geht jetzt über halblaute Zwischenrufe zu vermeintlicher „Unterschlagung“ und Ähnlichem hinaus und endet in der Frage, ob das hier „eine Talkshow“ sei. Die im Publikum anwesenden SPD-Genossen enthalten sich jeder Parteidisziplin und die One-Way-Kommunikation scheint zu Ende.
Die Rentner kommen mit der Forderung nach Zwangssprachkursen. Ein ältere Dame formuliert vorsichtig: Deutsch solle „wieder Amtssprache werden“, ihr Lebensgefährte wird im Ton markanter: „Integration oder Entzug der Aufenthaltsgenehmigung!“ Der Protest aus den ver.di-Reihen, man sein doch nicht „bei die Nazis“, bleibt alleine, die Rentner klatschen, nichtdeutsche Weddinger sind kaum anwesend. Ein junger Mann meldet sich zu Wort und entpuppt sich als Polizeibeamter, der schon vor Jahren weggezogen ist. Die einzige Veränderung, die ihm in seiner Zeit im Viertel aufgefallen sei, war eine neu eingerichtete Einbahnstraße. Positiv sei das gewesen, er sei schneller zum Parkplatz gekommen.
Der Kiez, das wird deutlich, ordnet sich nach Straßen, bildet Subkulturen, die zwischen Stettiner und Koloniestraße höchst unterschiedlich schillern. Während die Rentner sich langfristig darauf beschränken, bei den „Zwang-zur-deutschen-Sprache-Wünschen“ zu applaudieren, formulieren die Jüngeren harsche Kritik an der Praxis des Quartiersmanagements. Mit wem sprächen die Leute vom QM eigentlich, es gäbe mehr Zwist seit der QM-Tätigkeit, das ganze sei eine „Geldvernichtungsmaschine“, und habe „überhaupt kein Konzept“. Dass der Chef des QM, wie in der Vorstellung lobend erwähnt, dereinst auf der Universität Arabisch gelernt hat, kommt ihm hier wenig zu Gute.
Jetzt kommt der Stadtrat auf die Drogen. Zu sprechen natürlich. Unterm Strich seien das „arme, kranke Menschen“. Eine 70-Jährige gibt ihm recht, und beteuert, es störe sie, auch wenn sie selbst keine Drogen nähme. Der Drogenkonsumraum, den der Stadtrat als Erfolg deklariert, vermag sie wenig zu trösten, vor dem „bilateralen Vorgehen“, das der Moderator daraufhin propagiert, verstummt sie jedoch. Nicht so der Rest des Grauen Blocks. Was Linguisten freuen könnte, hier wird es zur permanenten Keule: Die Frage nach der Sprache, der deutschen natürlich, und deren geforderte Kopplung an das Recht auf Aufenthalt wird zum zentralen Argument der ehemaligen Wirtschaftsverwunderten. Die Emotionen gehen hoch und vom Konzept des Podiums scheint wenig übrig. Dann doch noch eine Wortmeldung der anderen Seite: Ein Streetworker türkischer Abstammung bemerkt offensichtlich frustriert, der Abend habe ihm wenig Zuversicht gebracht. Es zeige sich eher, dass sich „keinerlei Sensibilisierung“ eingestellt habe.
Ein SPD-Genosse aus dem Viertel, der den Sozialstadtrat nun schon mehrmals erfolglos gefragt hat, seit wann der denn im Wedding präsent sei, bemerkt final: „Wir sind keine Eichhörnchen, wir sind Weddinger!“ Sozialstadtrat Hanke nimmt den Einwand ernst. Nein, kein Versuchslabor vermutet er hier im Norden Berlins, die Situation gleiche der eines „Asylantenheims“. Derart belehrt verlasse auch ich das sich auflösende Plenum und nehme mir noch die SPD-CD zum europäischen Parlament mit: Ein Computerspiel mit dem sinnigen Titel „Free Hoppel!“. Hoppel ist auch kein Eichhörnchen, sondern ein durch´s Spiel führender Hase, der mir die Geheimnisse sozialdemokratischer Politik im europäischen Parlament nahe legt.
Comments:
Kommentar veröffentlichen
>>> zurück zu paul vom hof
>>> www.blendezwoacht.de
>>> blogger-beistand von: www.blogger.com